Kolumbien: Jardin und Jerico

Jardin ist eine wunderschöne Stadt umgeben von vielen Flüssen und der Bergwelt der Anden. Jardin gilt mit seinen weißgetünchten Häusern aus der Kolonialzeit und bunten Fenstern, Balkonen und Türen als selbsterklärte schönste Stadt Kolumbiens. Auf jeden Fall ist es wahrer Wohlfühlort mit seinen vielen schattenspendenden Bäumen, bunten Blumen und vielen Sitzmöglichkeiten auf dem Hauptplatz, auf dem eine beeindruckende neugotische Kirche das Bild beherrscht. Wer nach Restaurants Ausschau hält, muss hier länger und in den Seitenstraßen danach suchen. Die Einheimischen lieben es stattdessen, ihre freie Zeit in den vielen Cafes, die den zentralen Platz umsäumen, mit Freunden und Verwandten zu verbringen. Hier sieht man auch noch etliche Farmer mit sonnengegerbter Haut und Cowboyhut auf den steilen, mit Kuhhäuten bespannten und bunt bemalten Stühlen sitzen und ihren Cafe tinto (starker schwarzer Kaffee) rühren.

Unser Hostel bietet einen herrlichen Blick in die grüne Berglandschaft. Von hier aus starten wir in den nächsten beiden Tagen nach unser Ankunft zwei größere Wanderungen. Der erste Tag führt uns mit einer holzbeplankten Gondel namens la Garrucha (sie wurde ehemals zum reinen Warentransport genutzt) zu einem Aussichtspunkt auf die nun unter uns liegende Stadt. Von hier aus startet unsere erste Wanderung den Camino de la Hererra entlang: an Bananen und Kaffeeplantagen entlang, durch kleine Häuseransiedlungen, über einen Fluss bis zu unserem ersten Wasserfall in der Berglandschaft von Jardin. Zwischendurch kommen uns urigste Fahrzeuge entgegen (siehe Fotos), auch einige Reiter mit obligatorischen Cowboyhut aus Bast. Der Wasserfall Cascada d’Armour fällt hier von einem 40m hohen Fels herab in ein kleines Pool. Wir sind versucht uns unter dem Strahl abzukühlen. Die Lage ist jedoch mit immer mal wieder vorbeifahrenden Fahrzeugen dafür nicht so einladend und idyllisch gelegen.

So kehren wir zunächst wieder zurück in den Ort Jardin und stärken uns am schönen Hauptplatz mit lecker Kuchen und aromatischen Kaffee aus der Region. 

Ausgeruht geht es dann zu einem weiteren Wanderweg, der mit einer hölzernen Brücke über einen breiten Fluss beginnt und uns weiter bergauf an Bananenplantagen vorbei führt. Hier begegnen wir Plantagenarbeitern, die ihre Pferde noch für den Transport der Bananenstauden einsetzen. Und schließlich endet unser Weg an einem Aussichtspunkt mit einer großen, weißen, segnenden Jesusstatue. Von hier aus überblicken wir die ganze Stadt, die eingerahmt von den Bergen ein idyllisches Bild abgibt. Hier am Cristo Rey gibt es auch ein Restaurant, wo wir unser neues leckeres Lieblingsgetränk „Juego con Leche“ (eine Art Milchshake) mit Mangofrucht bestellen und die schöne Aussicht auf die Stadt genießen. Zurück geht es den Rundweg entlang, weiter an weidende Kühen auf saftigen Weiden und schließlich durch ein Waldstück hindurch bishin zur unserer gemütlichen Herberge, wo wir den Tag angenehm müde ausklingen lassen.

Am nächsten Morgen machen wir uns wieder auf zu einer schönen Wanderung durch üppiges Regenwaldgebiet und machen Halt an einem wundervollen Wasserfall. Auch hier endet der Rundweg in der Stadt, wo wir uns nach einer kleinen Pause zu einem Park, den Jardin de Rocas, aufmachen, der für seine vielfältige Vogelwelt bekannt ist. Zunächst schauten wir von einer Fußgängerbrücke hinab in eine tiefe Schlucht, durch die sich der Wildwasserbach Rio Volcanes schlängelt.  Als wir im privaten Naturpark gegen ein Eintrittsgeld eintreten, entdecken wir auch sogleich eine kleine Schar von Andenklippenvögel, die für diese Region mit ihrem feuerroten Federkleid und dem nicht ganz so wohlklingenden lauten Gekreische (dem von Papageien ähnlich) berühmt sind. Wir können auch noch einige weitere Vögel beobachten, diese jedoch meist nur für sehr kurze Momente und schon sind die scheuen Vögel wieder aus unserem Sichtfeld entschwunden. Die Begegnung mit einem witzigen Schwein, dass sich laut schmatzend an den Gräsern am Straßenrand labt, rundet unseren Tag auf amüsante Weise ab.

Zum Abschluss des wanderfreudigen Tages gibt es dann einen Besuch in einer Pizzeria um die Ecke.

Jericho

Wir wollen nun weiter in die kleineStadt Jericho, ungefähr 36 km nördlich von Jardin gelegen. Dafür nehmen wir zunächst den Mittagsbus, der uns nach 20-minütiger Fahrzeit durch die Berge zum geschäftigen Ort Andes bringt. Hier heißt es umsteigen in die Chiva. Dies ist ein Gefährt, das uns aufgrund der fröhlichen Bemalung zunächst an Jahrmarkt denken lässt.

Und so schaukelig wie in einem Karussel gestaltet sich dann auch die Fahrt. Der zum Personentransporter umgebaute LKW kämpft sich regelrecht den steilen serpentinartigen Feldweg hinauf zum Ziel. Es gilt während der 2,5-stündigen Fahrt (für knappe 20 km) zahlreiche Schlaglöcher, Feldsteine und Schlammlöcher zu überwinden. Besonders heikel wird es, wenn sich ein anderes Fahrzeug an uns vorbeidrängeln will oder uns gar entgegenkommt. Dann heißt es für den voll konzentrierten Fahrer einen Teil des steilen Weges bis zu einer etwas breiteten Stelle wieder zurückzusetzen. Ich bewundere die Geduld und Ruhe des mindestens 70-jährigen Busfahrers, der sich durch nichts aus Ruhe bringen lässt. Auch die übrigen Fahrgäste nehmen das Geruckel stoisch hin und ich staune nur darüber, dass diese Wegstrecke mit seinen eigentlich unmöglichen Bedingungen überhaupt zulässig ist. Vom Hostelbesitzer hörte ich später auch die Story, dass bei einer vorausgegangen Fahrt alle Fahrgäste den bei einem Überholmanöver aus der Spur gerateten Jeeps den steilen Hang wieder hochschieben mussten.

Am Nachmittag kommen wir zwar ordentlich durchgeschüttelt, aber wohlbehalten an. Wir setzen uns in ein kleines Café am Hauptplatz des Ortes und schauen dem bunten Treiben zu. Auch hier stammen die meisten Häuser noch aus der Kolonialzeitund sind in fröhlichen Farben gehalten. Schon bald kommt uns unser freundlicher Vermieter auf seinem Moped entgegen und erläutert uns den Weg zu unserer Unterkunft. Diese ist etwas außerhalb der Stadt gelegen (20 Minuten Fußmarsch), sodass wir aufgrund unseres Gepäcks erst einmal ein Taxi dorthin nehmen (in Kolumbien eine sehr günstige Angelegenheit – wir bezahlen 8000 Pesos, das sind umgerecht 2 Euro). Dort angekommen, staunen wir über die Stille und die wundervolle Aussicht von unserem Balkon in die Berglandschaft. Auch ansonsten bietet die schlichte Unterkunft alles, was wir brauchen. Und uns freut besonders, dass wir die angrenzende Küche mit Esstisch mitnutzen dürfen.

An frühen Abend geht es zu Fuß noch einmal in die Stadt. Wir staunen nicht schlecht, als wir ein Pferd an einer Bar angebunden sehen, den Kopf ins Barinnere hineingestreckt. Wie schon in Jardin  laufen hier viele, meist ältere Männer mit Cowboyhut und Westernhemd herum. Wir entdecken auf unserem Weg durch die Gassen auch noch weitere Reiter … es fühlt sich ein bisschen wie im Wilden Westen an. Der nächste Morgen beginnt mit einem Kaffee auf unserem Balkon, wo wir den Vögeln lauschen. Die Planung für den Tag wird auch von hier aus vollzogen. Wir wollen heute mit einen Gang durch den Botanischen Garten starten und die Christo Statue von Jerico erklimmen. Gesagt getan. Bereits mit guter Kondition ausgestattet, fällt uns die kleine Wanderung bei mäßiger Steigung vergleichsweise leicht. Oben angekommen, erwartet uns auch hier ein wunderschönes Panorama auf die Stadt mit den sie umgebenden Bergen. Wir gehen zurück zum Hauptplatz und bestellen das für Kolumbien immer sehr preiswere menue de dia, das traditionelle Mittagessen (Almuerzo). Den Nachmittag bummeln wir noch ein bisschen durch die Stadt, lassen die aufgegangenen Nähte unseres Rucksacks nachnähen (5000 Pesos = 1,30 Euro) und kaufen die Zutaten für einen Salat am Abend ein. Wir genießen am Abend noch einmal den schönen Blick vom Balkon, beschließen aber, für die nächsten beide Tage die Herberge noch einmal für mehr Stadtnähe zu wechseln. 

Am kommenden Morgen werden wir dann auch sehr herzlich von dem jungen Hostelbesitzer (halb Schweizer – halb Schwede) des El Paracito in Empfang genommen. Hier im Hostel herrscht eine komplett andere Stimmung. Wir kommen gleich mit all den anderen, meist jüngeren, Backpackern ins Gespräch und tauschen unsere Reiseerfahrungen aus. Es gibt eine gemütliche Sitzecke mit Blick in den kleinen Garten. Einige Hostelbesucher spielen Volleyball oder bereiten ihre Mahlzeiten in der kleinen Küche zu.

Als wir zu einer Wanderung in die Berge Richtung A las Nuebes (zu den Wolken) aufbrechen wollen, bekommen wir den Hostelhund Paiso als Weggefährten mit an unsere Seite. Paiso kennt den Weg, läuft vorne weg, aber immer mit Blick zurück und an schattenspendenden Stellen auf uns wartend. Der Weg ist steil und häufig der direkten Sonne ausgesetzt, sodass wir ordentlich ins Schwitzen kommen. Paiso nutzt jede noch so kleine Wasserstelle für ein erfrischendes Bad. Ich beneide ihn dafür. Glücklicherweise gibt es auf halber Strecke eine überdachte Sitzgelegenheit. Von hier aus telefonieren wir mit unserem Sohn Joshua, wie fast jeden Sonntag. Der Empfang von hier oben ist erstaunlich gut und wir genießen es, einmal ohne Störungen miteinander sprechen zu können.

Oben angekommen erwartet uns ein fantastischer Blick in die weite Bergwelt der Anden. Die Anstrengung hat sich gelohnt! Zurück geht es einen anderen Weg, immer schön bergab, was deutlich einfacher ist. Einige Stellen sind jedoch rutschig, sodass wir gut aufpassen müssen, um nicht hinzufallen. In der Herberge können wir uns auf den gemütlichen Sitzmöbeln entspannt ausruhen und Tagebuchschreiben. Am Abend gehen wir schlendernd durch die Stadt bis zu einem mexikanischen Restaurant. Das Essen ist extrem lecker und die Dekoration auch hier wieder sehr einfallsreich und farbenfroh. Immer wieder staunen wir über die günstigen Preise. Wir geben selten mehr als 25 Euro für zwei Gerichte mit Getränken aus, sodass wir es uns tatsächlich immer mal wieder gönnen, Essen zu gehen. 

Auch der folgende Morgen beginnt mit einer Wanderung durch die uns umgebende Bergregion. Paiso begleitet uns wieder. Auf dem Wanderweg durch kleine Ortschaften hindurch begegnen wir zahlreichen anderen Hunden, die sich schon von weitem mit ihrem teils unangenehm lauten Gebelle ankündigen. Meist kommen sie aber dann wedelnd auf uns zu. Manch einer flescht aber auch gegenüber Paiso die Zähne, sodass der Arme ganz schön Mühe hat, diesem Hunden die eigene friedliche Absicht zu bekunden. Als ehemaliger Straßenhund hat er aber diese Situation stets gut im Griff. An einem Wildwasserbach kühlen wir uns die heißen Glieder. Das Wasser ist so rein und klar, dass ich wie aus einem Jungbrunnen aus ihm heraussteige.

Zurück in der Herberge kommen wir mit dem ehemaligen Hostelbesitzer Camillo ins Gespräch, der sich ein paar Tage Auszeit von seiner neuen Arbeit gönnt. Er wird die Kaffeeplantage seiner Großeltern übernehmen und arbeitet sich jetzt in die dortigen Arbeitsprozesse ein. Wir erfahren, dass die Wanderarbeiter auf den Kaffeeplantagen richtig viel Geld durch ihre Rekordarbeit verdienen können. Wenn sie gut sind, schaffen sie es, 250 kg Kaffeebohnen am Tag von den steilen Hängen zu pflücken (unsereiner würde vielleicht auf 2,5 kg kommen). Mit dieser Menge können sie an das Gehalt eines erfahrenen Anwalts von etwa 1000 Euro pro Monat herankommen. Wir sind erstaunt, hatten wir doch erwartet, dass die Kaffeepflücker eher zu den Armen der Gesellschaft zählen würden.

Am Abend gehen wir in eine Pizzeria. Hier sind die günstigen Pizza so unerwartet riesig, dass wir uns eine davon einpacken lassen und an die nette Runde der anderen Hostelbesucher verteilen. Das kommt gut an.

Den Hostel-Hund Paiso habe ich mittlerweile richtig ins Herz geschlossen und bin ein bisschen traurig, schon so bald wieder von ihm Abschied nehmen zu müssen.

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