
Die 40 Meilen bis zur Linton Bay verlaufen bei einem kräftigen Halbwindkurs und mit hohen Wellen von der Seite etwas ruppig, aber wir kommen immerhin schnell voran.
Die Linton Bay haben wir uns ausgesucht, weil wir hier Ausklarieren können und sie zudem einen guten Startpunkt bildet für die Überfahrt in Richtung Kuba.
Diese Bucht gehört nicht mehr zum Gebiet der Kuna Yala- Indigenen und das zeigt sich auch rein äußerlich: Statt der flachen Sandinseln mit Palmen und kleinen Bambusschilfhütten sehen wir nun dicht bewachsene Felseninseln und auf dem Festland eine dichte Bebauung mit bunten Häusern aus Beton. Neben der Marina mit vielen Segelboooten aus aller Welt liegt ein kleiner Fischerort. Die Bevölkerungs ist vornehmlich schwarz. Es gibt dort einen Supermarkt, der von einem Chinesen geführt wird. Er verfügt neben einem Sortiment an grundlegenden Lebensmitteln auch über eine gut bestückte Werkzeugabteilung. Wir halten jedoch vor allem Ausschau nach Frischwaren. Dies gibt es hier allerdings nicht. Wir haben aber das Glück, dass kurz nach unserer Ankunft im Dorf ein Kleintransporter mit frischen Obst und Gemüse anhält. Nach den vier Wochen auf den San-Blas-Inseln, wo wir unser Obst- und- Gemüse meist vom Versorgungsboot erstanden haben und alles jeweils drei Dollar das Pfund (500g) gekostet hat, staunen wir jetzt über die absolut günstigen Preise. So bekommen wir hier beispielsweise für einen Dollar gleich drei Ananas. Wahrscheinlich dürfen wir endlich mal zu den Preisen der Einheimischen einkaufen!
Der vor etlichen Jahren eingewanderte Niederländer Hans besitzt das einzige Restaurant etwas abseits des Dorfes. Wir suchen ihn auf, weil er auch das Auffüllen von Gasflaschen übernimmt. Er berichtet uns davon, dass aufgrund der Streiks die Versorgungslage über fünf Wochen hinweg für die Bevölkerung Panamas desaströs war. Wir selbst haben das zu spüren bekommen, indem es das wenig Angebotene nur noch zu horrenden Preisen gab. Das Besondere daran war aber, dass ein Großteil der Bevölkerung Panamas die schwere Zeit der notdürftigen Versorgungslage mitgetragen und damit zusammengestanden hat. Und jetzt können die Streikenden ein riesigen Erfolg für sich verbuchen. Der Vertrag mit der kanadischen Bergarbeiterfirma wurde von der Regierung kurzerhand gekündigt und zwar ab sofort. Dieses Ergebnis kommt vor allem dem Erhalt des Regenwaldes und der sauberen Flüsse zugute. Was nun allerdings mit den Mitarbeitern der Mine geschieht, wissen wir nicht.
Besuch der Affeninsel




In der Linton Bayern besuchen wir mit dem Dinghi auch die kleine vorgelagerte Insel Mono Island. Sie ist unbewohnt. Nur eine Restaurantruine zeugt davon, dass hier mal mehr los war. Und zwei Affen leben dort in der Wildnis und im Abbruchhaus. Wir betreten die Insel und kommen den Beiden ganz nah. Sie sind gar nicht scheu. Der Dunklere von den beiden Affen trottet sogar immer hinter Jochen her und zwar aufrecht auf zwei Beinen und mit langem hoch erhobenen Schwanz. Das sieht urkomisch aus. Einige Touriboote kommen nacheinander an die Insel herangefahren. Vom Boot aus werfen sie den Affen Karotten und Obst zu, welches diese dankbar annehmen. Wir wundern uns, dass niemand aussteigt. Dann lesen wir das auf Spanisch geschrieben Schild, auf dem einer der Affen sitzt: Insel nicht betreten. Die Affen sind aggressiv und könnten sie attackieren. Unsere Erfahrung ist bislang eine andere, aber uns wird doch etwas mulmig zumute und so treten wir vorsichtshalber schon bald wieder den Rückweg an. Es fängt sowieso gerade an zu regnen. Und der Regen hält dann noch den ganzen weiteren Tag an.
Das Ausklarieren mit Faustus
Am nächsten Morgen beschließen wir auszuklarieren. Wir wollen jetzt Richtung Kuba starten. Die Winde scheinen günstig dafür. Im Büro nahe der Marina werden wir von Faustus, dem zuständigen Beamten, zunächst freundlich empfangen. Dann wird es alles etwas wirr, weil wir seinen nuscheligen Mix aus Spanisch und Englisch einfach nicht verstehen können. Bei Nachfragen holt er noch mal richtig aus und redet dabei noch nuscheliger und schneller. Was wir schließlich heraushören ist, dass die Prozedur 200 Dollar kostet, was uns wundert, da beim Ausklarieren normalerweise keine oder nur eine sehr geringe Gebühr fällig wird. Wir sollen zudem noch zu dem Ort Portobello fahren, um von der Migrationsbehörde die Ausreise-Stempeln für die Reisepässe zu bekommen. Wir legen ihm mit knirschenden Zähnen die 200 Dollar hin und bitten um die Quittung. Jetzt wird es ungemütlich. Mit beleidigter Miene erklärt uns Faustus und nach etlichen Nachfragen, entnehmen wir seinem chaotischen Wortschwall, dass wir die Quittung erst später um 14 Uhr abholen können. Er müsse das zuvor noch mit der zuständigen Beamtin in Colón klären (die Korruption lässt grüßen). Wir sagen, dass wir die Quittung gerne sofort hätten. Er wiederholt, sichtlich genervt, seine Antwort. Wir fragen, ob wir auch etwas später kommen könnten, da wir nicht sicher sind, ob wir um 14 Uhr schon aus Portobello zurück sein werden.
Faustus sitzt mittlerweile mit verschränkten Armen und völig versteinerter Miene vor uns. Er nimmt schließlich seinen Stift und streicht die zuvor ausgefüllten Formulare durch, reicht uns die 200 Dollar zurück und sagt, dass das Meeting nun beendet sei. Wir sind entsetzt und fragen, wo wir denn jetzt noch ausklarieren können. Er gibt uns netterweise den Tipp, dass wir in Colón für 150 Dollar ausklarieren können.
Die einzelne einfache Fahrt dorthin dauert etwa 3,5 Stunde und ist für den heutigen Tag zeitlich nicht mehr machbar. Ziemlich belämmert gehen wir ins Hafenbüro gegenüber und fragen nach den Busabfahrzeiten nach Colón. Erstaunt fragt die nette junge Frau wiederum nach, warum wir zum Ausklarieren denn nach Colin fahren wollen. Wir erzählen ihr unsere Geschichte. Sie telefoniert mit Faustus und bittet ihn zu sich ins Büro. Und tatsächlich taucht er dort kurz noch einmal auf, immer noch ziemlich angesäuert. Aber leider bleibt er stur und meint, dass es jetzt zum Ausklarieren bei ihm zu spät sei. Und am nächsten Tag sei das Büro zudem geschlossen, da müsse er seinen Kollegen ins Krankenhaus fahren.
Schöner Mist! Wir versuchen es letztlich positiv zu sehen und sagen uns, dass die lange Busfahrt entlang der Küste und streckenweise durch die Berge für uns immerhin eine günstige Gelegenheit ist, noch mehr von Panama zu sehen.





So fahren wir für diesen Tag erst noch einmal mit unserem Dinghi die Umgebung rund um unsere Ankerbucht ab. Wir fahren zunächst einen kleinen Fluss entlang, der uns durch einen Mangrovenwald führt und auf dem Rückweg kommen wir an einigen eindrucksvollen windumtosten Felseninseln vorbei. Am Festland entdecken wir gegen Abend sogar das Gelände eines kleinen privaten Zoos, der derzeit für Besucher jedoch geschlossen ist. Aber nun wissen wir, woher das laute Kreischen verschiedener Vögel und das wolfsartige Heulen am Morgen und zur Dämmerstunde herrühren.
Ausklarieren in Colón
Am nächsten Morgen in der Frühe machen wir uns auf zum Bus, der uns nach Colón bringen soll. Glücklicherweise sind wir sehr zeitig da und können sogleich in den viel zu früh abfahrenden Bus einsteigen. Der Bus erinnert uns von der Form her an amerikanische Schulbusse, wie etwa im Film Forest Gump zu sehen. Von der bunten Außenbemalung her denken wir an die Chiva, mit der wir durch die Berge nach Jerricho in Kolumbien gefahren sind. Die Musik, die aus den vier Lautsprechern kommt, spielt spanische Fokloremusik, aber so laut, dass es für uns unmöglich ist, mit dem anderen deutschen Seglerpärchen ein Gespräch zu führen. Wir fahren durch dichtes Regenwaldgebiet und an dem schönen Küstenstreifen entlang Richtung Norden. Hin und wieder fahren wir durch kleine Dörfer mit bunt bemalten Holzhäusern.




Die Fahrstrecke ist wirklich sehr schön bis wir in die Vororte von Colon gelangen. Hier herrscht dichter Verkehr und alles wirkt ärmlich und schmutzig (teilweise liegt tonnenweise Müll an den Straßenrändern).

Ausklarieren will gekonnt sein
Nach 3,5 Stunden Fahrtzeit und aufgrund der Dauerbeschallung im Bus etwas gerädert, steigen wir am Busterminal in Colón aus. Im Terminal herrscht reger Trubel und übertüncht damit die heruntergekommenen Tristesse des Gebäudes. Um zur Behörde mit dem ehrwürdigen Namen Autoridad Maritim de Panama zu gelangen, müssen wir zunächst an einem hohen Zaun linker Hand und an Bauruinen rechter Hand entlang gehen. Überall auf dem löchrigen Gehweg liegt Müll. Die Gegend ist wirklich schaurig anzusehen. Ab dem Moment, wo das umzäumte Hafengelände aufhört, betreten wir ein Gebiet mit neu renovierten und herrschaftlich anmutenden Häusern im Kolonialstil. Und hier sind die Gehwege nun sauber gefegt und begrünt. Geht doch! Was für ein Kontrast zur gerade passierten Straße. Unter anderem entdecken wir hier verschiedene Botschaftsgebäude und Behörden, die für den Schiffsverkehr des Panamakanals zuständig sind.
Wir treffen auf dem Weg zum Ausklarieren noch das andere deutsche Seglerpärchen. Die Beiden erzählen, dass sie vor zehn Jahren lediglich 5,45 Dollar für das Ausklarieren bezahlen mussten (was einer normalen Verwaltungsgebühr entspricht).
Wir betreten nun ein frisch getünchtes weißes und mit den Nationalflaggen Panamas versehenes altwürdiges Gebäude. Im zweiten Stock liegt unserer Abteilung, die für das Ein- und Ausklarieren zuständig ist. Wir gehen einen langen Außenbalkon entlang, an dem sich rechter Hand etwa zehn moderne Büros befinden, in die wir von Außen durch großflächige Mahagoniefenster und verglaste Flügeltüren hineinschauen können. Es herrscht reger Betrieb. In jedem Büro sitzen eine Menge Personen an modernen Schreibtischen und Computern, alle miteinander munter im Gespräch.
Wir betreten das uns zuvor angezeigte hinterste Büro und erklären unser Anliegen. Sofort werden wir auf das Büro von nebenan verwiesen. Auch von dort werden wir weitervermittelt ins Nachbarbüro. Im dritten Büro empfängt uns eine junge, etwas korpulente Farbige und führt uns die Hüfte schwingend und laut singend zurück ins zweite Büro. Hier “ arbeiten“ drei Personen. Von der einen sehen wir lediglich ihr dichtes scharzes Haar, denn sie hat ihren Kopf auf ihren abgewinkelten Armen zu einem Schläfchen abgelegt. Vor ihr stapeln sich verschiedene Bücher. Die andere Frau am Schreibtisch sitzend, telefoniert angeregt. Soweit mein Spanisch dafür ausreicht, aber auch der fröhlichen Mimik nach zu urteilen, ist sie voll und ganz in ein Privatgespräch vertieft. Der junge Mann, zu dem uns die Sängerin führt, ist schwer nit einem Musikvideo auf seinem Handy beschäftigt. Auch als wir bereits vor ihm Platz genommen haben, kann er sich nicht sofort von seiner Tätigkeit loseisen.
Die Sängerin fragt uns jetzt, weshalb wir nicht in der Linton Bay ausklariert haben. Wir erklären ihr den Umstand. Die junge Frau sieht uns anklagend an und sagt, sie hätte getade mit Faustus telefoniert und demnach hätten wir nicht mit ihm kooperiert.
Uns wird ganz mulmig zumute und fragen uns, ob wir wohl jemals das Land wieder verlassen dürfen. Vor meinen geistigen Augen tauchen all die heruntergewirtschaften Segelyachten auf, die schon seit Jahren in der Linton Bay vor Anker liegen oder auch bereits gesunken sind. Die Sängerin hat sichtlich Freude an unseren betretenden Gesichtern. Sie macht uns jedoch den entgegen kommenden Vorschlag, einen Agenten in der Shelter Bay Marina aufzusuchen, der sich dann um unsere Ausklarierungsangelegenheiten kümmern würde. Uns wird hanz schwummrig. Wir erklären ihr immer freundlich lächelnd, dass das Ganze ja ein Missverständnis aufgrund von Kommunikationsproblemen mit dem Mitarbeiter der Linton Bay gewesen sei, und das die Fahrt zur Sheltet Bay für uns noch einmal eine ganze Tagesfahrt mit Taxi bedeuten würde. Und auch, dass wir ja nun extra den langen Weg nach Colón auf uns genommen hätten, um dem Vorschlag Faustus zu folgen, in ihrer Behörde auszuklarieren. Unsere bettelnden Gesichtszüge stimmt sie milde und sie gibt dem Videobegeistertem, mit einem Nicken das Zeichen, mit dem Ausklarierungsorozess zu beginnen. Singend und mit dem Po wackeld, verlässt sie daraufhin den Raum und überlässt dem jungen Schwarzen all die Arbeit mit uns.
Es fällt ihm sichtlich schwer, sich nun seinen eigentlichen Aufgaben zuzuwenden. Etwas müde bittet er um unsere Bootspapiere, Pässe und die Zarpe (Dokument von der Zollbehörde des vorher besuchten Landes). Buchstabe für Buchstabe füllt er im Schleichtempo ein etwa 60 x20cm langes Formular aus. Uns schwarnt, dass es sich hier um eine etwas längere Sitzung handelt wird. Aber wir sind innerlich glücklich, denn wir müssen jetzt wohl doch nicht den Rest unseres Lebens in Panama ausharren.

Irgendwann, unser Lächeln ist mittlerweile zu einer Grimasse steifgefroren, dürfen wir mit dem zarten Papierdurchschlag wieder die Sängerin in ihrem Büro aufsuchen, welches sie sich mit etlichen munter plappenen Frauen teilt. Wir stehen am Tresen und schauen dabei wartend einer jungen Frau mit künstlich verlängerten Wimpern zu, wie sie sich die rot lackierten Nägel feilt. Endlich wendet sich die Sängerin nach einem ausgiebigen Gespräch mit ihrer Kollegin wieder uns zu, übernimmt unser wertvolles Dokument und verschwindet damit, das Papier munter vor sich her schwingend, im Nachbarbüro.
Sie schaut nach einer erneuten Weile des Wartens wieder herein und geleitet uns zum ebendiesen nachbarlichen Büroraum. Von einer uns freundlich zulächelnden Frau mit grauem Haarschoof nehmen wir am Schreibtisch vor ihr Platz. Neben uns sitzt noch eine deutlich jüngere und etwas deprimiert wirkende Frau mit ihrer etwa zweijährigen Tochter auf dem Schoss. Die Kleine ist vollkommen eingenommen von ihrem Riesenhandy, auf dem sie völlig unkontrolliert von einem Kindervideo zum nächsten zappt. Ganz offensichtlich ist hier die Tochter mit der Enkeltochter von der Frau am Computer zu Besuch. Dennoch nimmt die freundliche ältere Dame unsere Rechnung und auch den gewissenhaft berechneten Betrag von 105,45 Dollar von uns entgegen, tippt noch etwas ein, druckt das neu entstandene Dokument aus und tatsächlich erhalten wir damit unser Ausklarierungspapier sprich die erhoffte Zarpe in der Hand. Noch einmal allen Mitarbeitern im modernen Büroraum herzlich zuwinkend, verlassen wir nun schwer erleichtert dieses Irrenhaus.
Liebe Anja, lieber Jochen,
in diesem Reiseabschnitt ist ja alles dabei – schöner Urlaub und Abenteuer incl. Schwierigkeiten aus Panama wieder auszureisen. Letztendlich habt Ihr es ja geschafft und das zählt.
In Summe habt Ihr sehr schöne Erlebnisse und es ist toll, daß wir diese mit Euch teilen dürfen.
Weiterhin eine schöne Reise,
Bettina u. Hans
Liebe Bettina, lieber Hans!
Ja, das Ausklarieren in Panama war ein echtes Abenteuer. Jetzt haben wir eine Anekdote mehr in unserem Reservoir. Im Nachhinein ist es ein lustiges Erlebnis, vor Ort jedoch war es purer Ernst. Aber die guten Erinnerungen an Panama überwiegen….Liebe Grüße Anja und Jochen